
Vanwa
Leryamar - Am Anfang
FanFic von sailanis frei nach den
Geschichten von J.R.R. Tolkien.
Mit lautem Getöse
schlugen die Wellen gegen die hohen Klippen von Nevrast. Niemand war zu
sehen in diesem einsamen Land, niemand außer der Elb, der schon seit
Ewigkeiten an der Küste herumwanderte. Vom Süden her war er gekommen,
Nevrast durchquerend, um das loszuwerden, was sein Leben, seine Familie
zerstört hatte. Wie vielen Menschen hatte dieses kleine Juwel das Leben
gekostet? Maglor wusste es nicht, und er wollte es auch nicht wissen.
Viele Jahre war es her, dass er das letzte Erbstück seines Vaters ins Meer
geworfen hatte, in der Hoffnung, endlich Frieden zu finden.
Nun wanderte er rastlos am Meer entlang. Wohin er wollte wusste er nicht.
"Jedenfalls nicht nach Westen, denn dort bin ich nicht willkommen. Nicht
nach Süden, zu Círdan, denn zu große Schuld habe ich auf mich geladen, um
unter seine Augen zu treten. Im Norden lauern noch immer Schatten, auch
ihnen möchte ich nicht begegnen. Vielleicht sollte ich nach Osten gehen,
nach Eriador." Maglor war in seinen Gedanken versunken. Das Meer wollte er
nicht wirklich verlassen, doch wusste er, dass er hier nicht bleiben
konnte. Er hatte ein ungutes Gefühl, es schien ihm, als wäre Beleriand
nicht mehr sicher.
Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Da war sie wieder. Eine
Stimme, Klagelieder singend, doch zu weit entfernt, als dass er den
genauen Wortlaut verstehen konnte. Schon vor einigen Tagen war ihm die
Stimme aufgefallen. Scheinbar wanderte auch sie den langen Küstenstreifen
entlang, offenbar die gleiche Richtung wie Maglor nehmend. Doch gesehen
hatte Maglor ihn noch nicht. Nur eines wusste er: Wer immer dieser Sänger
auch sein mochte, seine Stimme übertraf selbst die Maglors.
"Vielleicht sehe ich ihn ja noch irgendwann." Mit diesem Gedanken im Kopf
setzte Maglor seinen langen Fußmarsch fort, und lang würde er werden, denn
sein Ziel hieß Eriador, und über die Küstenwege wollte er es erreichen.
Heiß schien die Sonne auf seinen Rücken nachdem er sich an den Strand
gesetzt hatte. Wie war er eigentlich hierher gekommen? Nach Vinyamar war
er gegangen, ohne bestimmten Grund, und dann die Küste entlang nach Süden.
Nicht weit von der Mündung des Brithon war er jetzt entfernt. Eigentlich
wollte er gar nicht hierher, aber ein letztes Mal wollte sich Daeron das
Meer ansehen, bevor er in den Osten ging. Es war nicht seine größte Liebe,
denn ohne gleichen war Lúthien in sein Herz geschlossen, doch trotzdem
bedeutete ihm dieser letzte Besuch viel. Und so wanderte er die Küste Beleriands entlang, Lieder von seiner einen großen, aber
verlorengegangenen Liebe singend. Ob ihn jemand hörte kümmerte ihn nicht,
doch gesehen zu werden wollte er trotzdem vermeiden. Und so stand er auf
und setzte seinen Weg fort.
Durch die hohen Baumwipfel schien die Sonne auf die große Lichtung. Vögel
saßen dort unten, Hasen und andere liebliche Geschöpfe des Waldes. Über
ihnen, in einem der Baumwipfel, saß ein Mädchen, auf einem Flett. Schön
war sie, selbst für eine Elbe. Sie sang leise vor sich hin. Kein
bestimmtes Thema hatten ihre Lieder, doch nicht selten fand Túrin, Húrins
Sohn, Erwähnung in ihnen. Nellas vermisste ihn ebenso wie die Wälder
Doriaths. Schön war es hier, in Taur-Im-Duinath, doch nicht zu vergleichen
mit dem Reichtum an Schönheit Doriaths. Leise sang sie weiter. Vielleicht
würde sie diesen Wald bald verlassen, woanders hingehen. Doch weder wusste
sie wohin, noch mit wem, noch ob sie es wirklich tun würde.
Mitten in der Nacht wachte er auf. Einen unruhigen Schlaf hatte Maglor,
nicht erst seit Heute. Denn schon vor langer Zeit hatten die Albträume
begonnen. Immer wieder sah er diese Bilder vor sich, die brennenden
Schiffe, er, seine Brüder und sein Vater, wie sie den Eid schworen. Seine
Brüder hatte er überlebt, sie alle waren gefallen. Seine Träume aber waren
nicht gegangen, denn Schuld stirbt nicht. "Werde ich diese Träume denn den
Rest meines Lebens ertragen müssen? Doch scheint es mir eine gerechte
Strafe zu sein für das, was ich getan habe."
Weit war er in den letzten Tagen gegangen. Er hatte die Falas durchquert,
vorbei am Brithon, vorbei am Nenning und nun nicht mehr weit entfernt von
Arvenien. Begleitet wurde er nur von seinen eigenen Gedanken und der
fremden Stimme. Doch fremd war sie ihm eigentlich nicht mehr, denn
mittlerweile hatte er sich an sie gewöhnt. Er wusste, dass er ihr näher
gekommen war. Vielleicht würde er ja sogar in den nächsten Tagen auf den
Besitzer dieser wundervollen Stimme treffen?
Maglor wusste, auch dieser Elb war in Trauer, denn im Laufe der Zeit
vermochte er einen Teil des Gesungenen verstehen. Oftmals hörte er den
Namen Lúthiens. War er ein Verehrer Lúthiens? Maglor war es nicht so
wichtig, doch würde er seinen fremden Begleiter gerne kennen lernen.
Seinen Blick zu den Sternen am fernen Himmel gewandt schlief er wieder
ein. Morgen würde er sich noch etwas beeilen. Vielleicht seinen Begleiter
finden, und seinem Ziel, Eriador, wieder etwas näher kommen.
"Arvernien ist ein schönes Land, doch scheint es sich mir nicht sehr von
dem restlichen Küstenstreifen zu unterscheiden. Oh, wie schön waren die
Wälder Doriaths, und wie schön war Lúthien Tinúviel. Doch wiedersehen
werde ich sie wohl beide nicht mehr." Traurig waren die Gedanken Daerons,
doch ein weiterer, ein erfreulicher hatte sich zu ihnen gesellt. Denn
heute Morgen, als er seinen Blich nach Nordwesten richtete, da sah er ihn
wieder. Scheinbar lief er schneller als Daeron selbst. Daeron war sich
nicht sicher, doch hatte er das Gefühl, auf diesen Mann warten zu müssen.
Immerhin schien er ja die selbe Richtung zu laufen, und Daeron fühlte sich
einsam.
Es sehnte ihm nach jemandem, mit dem er seine Lieder teilen konnte. Dieser
einsame Mann schien der Richtige zu sein. Langsam ging Daeron weiter. Bald
würde er die Küste verlassen, denn er wusste, dass er nicht in Beleriand
bleiben wollte. Doch zuvor musste noch der Wald Taur-Im-Duinath durchquert
werden. Vielleicht würde er diesen Weg nicht alleine gehen. Vielleicht
würde sein fremder Freund bei ihm sein.
Erneut hörte Maglor die geheimnisvolle Stimme. Doch heute schien sie näher
als je zuvor. Beinahe, als wäre sie direkt vor ihm. Nur zwei Tage war es
her, dass er die Sirion-Mündungen überquert hatte, aber ohne gesehen zu
werden. Er konnte den Wald bereits sehen. Schon in Nevrast wusste er, dass
seine Küstenwanderungen am Rand von Taur-Im-Duinath ein Ende finden
würden. Er ging seinen Weg über die großen Felder und Wiesen, vorbei an
Höhlen und kleinen Waldstücken.
Plötzlich schien die Stimme ganz nah. Maglor blieb stehen. Nach ein paar
Sekunden setzte er seinen Weg fort, leise, ohne auch nur ein einziges
Geräusch zu verursachen. Er kam zu einer Lichtung. Und dort saß er. An
einem Baum gelehnt, eine traurige Melodie vor sich hinsummend. Schön war
er, lange blonde Haare umrandeten sein Gesicht. Gehörte er zu den Leuten
Thingols? Auf einmal kam ein Verdacht in Maglor hoch.
"Ist dies etwa Daeron, von dem ich vor so langer Zeit gehört habe? Denn
wahrlich, Daeron soll ein großer Sänger gewesen sein." Kaum dass Maglor
bemerkte, dass er laut gesprochen hatte, da kam auch schon die Antwort.
"So ist es, mein Freund, Daeron bin ich. Und mein Herz erfreut es, dich
endlich hören zu können, den schon lange habe ich dich gesehen. Komm, setz
dich zu mir, sag mir deinen Namen und lass uns alles weitere dann
bereden."
Daeron wusste, dass es Heute soweit sein würde. Er hatte gerade Platz
genommen, auf einer Lichtung in einem der letzten kleinen Waldstücke vor
dem einen großen, als er in der Ferne Geräusche hörte. Sie hörten kurz
auf, und plötzlich hörte er eine Stimme, wie sie sagte: "Ist dies etwa
Daeron, von dem ich vor so langer Zeit gehört habe? Denn wahrlich, Daeron
soll ein großer Sänger gewesen sein." Daeron musste schmunzeln. War es so
offensichtlich? Doch auch die Stimme des Fremden schien einen lieblichen
Klang zu haben. Er bat den Fremden, sich zu setzen und seinen Namen zu
nennen.
Langsam kam Maglor auf die Lichtung hervor. Es war ihm nicht ganz wohl
dabei, diesem Fremden seinen Namen zu nennen, zumal er wusste, dass die
Teleri nicht immer gut auf die Noldor zu sprechen waren. "Nun, Maglor ist
mein Name. Doch bitte ich dich, Gnade mit mir zu haben. Denn viele Taten
haben ich und mein Volk begangen, die deine Gnade sicher nicht verdient
haben, doch habe ich mich entschlossen, all dies hinter mir zu lassen.
Nach Eriador möchte ich, und wenn du bereit bist, einen Noldo zu begleiten
auf seiner langen Reise, dann bitte ich dich, mit mir zu kommen."
Daeron war durchaus überrascht, diesen Namen zu hören. Doch etwas sagte
ihm, dass er die Taten von diesem Sohn Fëanors vergessen sollte. Denn
sympathisch schien er zu sein, und sicher würde er einen guten
Weggefährten abgeben. Davon abgesehen, spielte es denn überhaupt noch eine
Rolle, wer hier welche Taten begangen hatte in Beleriand? Er würde das
Land verlassen, seine Liebe außerdem, da konnte er auch seine Wut und
seine Antipathien für die Noldor hinter sich lassen.
"Gerne würde ich mit dir gehen. Und bereit bin ich, dich neu kennen zu
lernen, denn was interessiert mich die Meinung der Leute, die ich sowieso
verlassen werde. Ich möchte ein neues Leben beginnen, und ich würde mich
freuen, wenn du mich dabei begleitest." Kaum hatte Daeron diese Worte
gesprochen streckte Maglor seine Hand aus nahm Daerons, schüttelte sie und
umarmte ihn. Gemeinsam setzten sich die Beiden auf den Boden und aßen ein
paar Stücke Lembas. Nicht viel Zeit verging, und die Beiden gingen weiter,
die Küste hinter sich lassend, hinein nach Taur-Im-Duinath.
Nellas Träume waren angenehm, auch wenn die Erinnerung an Túrin schmerzte.
Wie gerne würde sie ihn wieder sehen, doch Nellas wusste, er hatte die
Kreise der Welt schon verlassen. Doch plötzlich wurde sie aus ihren
Gedanken gerissen. Ein Gefühl machte sich in ihr breit, dass Fremde den
Wald betreten hatten. Es war kein ungutes Gefühl, eher Neugier, und die
Vorahnung, dass diese Besucher etwas wichtiges mit sich brachten. Auf
einmal zog sich Nellas in ihren Baumwipfel zurück. Sie zitterte. War die
Zeit gekommen da sie diesen Wald verlassen musste? Sollte sie aus Beleriand weggehen? Sie wusste, dass es hier nichts mehr gab, das sie
zurückhielt. Doch was hatten diese Fremden zu bedeuten? Musste sie vor
ihnen fliehen? Oder würden sie ihr vielleicht sogar helfen? Nellas packte
schon ihr weniges Hab und Gut zusammen, bereit zur Flucht, als sie
feststellte, dass etwas sie zurückhielt. Langsam setzte sie sich. Und
wartete. Wartete auf das, was die Eindringlinge mit ihr vorhatten...
Taur-Im-Duinath war ein dichtbewachsener Wald. Es war der langsamste Teil
der Reise von Maglor und Daeron. Umgekippte Bäume, dicke Sträucher, Hügel
und überwucherte Wege machten es den Beiden nicht einfach voranzukommen.
Doch genossen sie ihre Reise, mit Gesängen, Geschichten und manchmal auch
einfach nur mit Stillschweigen. Zwei Tage liefen sie durch den Wald, nur
selten Tiere erblickend. Die Hoffnung, auf andere Elben zu treffen, hatten
sie nicht, denn einerseits war ihnen bewusst, dass nur ein paar wenige
wandernde Elben diesen Ort je betreten hatten, und andererseits legten sie
auch keinen großen Wert auf weitere Begleiter. Noch nicht.
Schon bald erreichten sie eine Lichtung. Daeron sah sie sich genau an,
während Maglor seine Glieder streckte und Essen aus seinem Vorratsbeutel
herausholte. "Es scheint mir, als würden sich hier öfters mal Tiere
versammelt. Siehe Maglor, überall Abdrücke von Pfoten und winzigen Klauen.
Friedlich scheinen die Tiere hier zu leben." "Erfreut bin ich, dies zu
hören. Doch, mein Freund, was hältst du von einem Stück Brot und einem
Schluck Honigsaft?" Nur zu gerne hörte Daeron diese Worte, denn auch er
war hungrig.
Er drehte sich um und ging zu Maglor, um sich neben ihn zu setzen. Seinen
Blick für einen kurzen Augenblick auf den Boden rechts neben Maglor
werfend schrie er plötzlich aufgeregt auf. "Siehe nur, Maglor! Das sind
Fußabdrücke! Sie stammen von einer Elbe, oder von einem Menschen. Doch
letzteres ist wohl eher unwahrscheinlich. Sie scheinen nicht sehr alt zu
sein. Wer wohl vor uns hier war?" Erstaunt sahen sich die beiden um. Nach
links, nach rechts, auf den Boden. Aber nicht nach oben. Doch von dort kam
mit einem Male eine Stimme, lieblich und freundlich, doch bestimmt.
"Den, der vor euch hier war, müsst ihr nicht suchen, denn ich bin immer
noch hier. Wer seid ihr, die ihr meine Ruhe stört? Und wohin wollt ihr?
Ich weiß, ihr seid aus dem Westen gekommen, denn schon als ihr die Grenzen
dieses Waldes übertreten habt sah ich euch in der Ferne. Erzählt mir also,
wo wollt ihr hin, denn vielleicht möchte ich euch begleiten?" sprach
Nellas und hüpfte von dem Baumwipfel mit einem gezielten Sprung vor die
Füße der beiden Fremden.
Maglor und Daeron schauten sich verblüfft an, doch bevor einer von den
Beiden etwas sagen konnte fing das Mädchen wieder an zu sprechen. "Euch
erkenne ich, denn einst habe ich euch am Hofe des Königs Thingol gesehen.
Sollte mich meine Erinnerung etwa täuschen wenn sie mir sagt, dass ihr
Daeron seid?" Daeron musste erneut schmunzeln. Irgendwie kam ihm das
bekannt vor. "Nun, hübsches Mädchen, eure Erinnerung täuscht euch nicht.
Doch fällt es mir schwer, mich an euch zu erinnern. Wartet, nur einen
Augeblick. Ah, ja, seid ihr etwa Vellas? Und wenn ja, wollen wir uns dann
nicht anreden wie es alte Bekannte tun würden?"
"Nicht ganz unrecht habt ihr. Doch ich heiße Nellas, nicht Vellas. Aber
macht euch nichts draus. Sicher habt ihr- oh, ich meine sicher hast du
meinen Namen nicht öfters als ein Mal gehört. Nun, darf ich denn fragen,
wer dein Begleiter ist?" Maglor trat hervor, nahm die Hand Nellas und gab
ihr einen höflichen Kuss. "Mein Name ist Maglor, und gerne mache ich die
Bekanntschaft eines Mädchens, so schön und freundlich. Aber, ich hörte
dich sagen, du wollest vielleicht mit uns kommen. Ich denke, ich spreche
auch im Namen Daerons, wenn ich sage, dass du uns ein willkommener
Begleiter wärest."
Daeron nickte zustimmend. Nellas konnte ihre Freude kaum zurückhalten. Es
war also doch die richtige Entscheidung gewesen zu bleiben. Der Name
Maglor kam ihr zwar durchaus bekannt vor, und nicht in einem sonderlich
positiven Zusammenhang, doch schien es ihr, als ob ein Mann, der mit
Daeron zusammen reiste und solch eine Freundlichkeit zeigte, kaum so
schlimm sein konnte. "Gerne komme ich mit, doch zuerst sollten wir etwas
essen. Wartet nur einen Moment, und ich bringe euch leckere Speisen
herunter. Danach können wir uns ausruhen, um gestärkt unsere Reise
weiterführen zu können. Ich freue mich schon drauf!"
Freudig lächelnd kletterte sie den Baum wieder hinauf. Schon bald hatten
die drei gegessen, geschlafen und konnten ihren Weg fortsetzen. Sechs Tage
dauerte es, bis sie den Wald durchquerten. Zuletzt mussten sie nur noch
Ossiriand durchqueren, um endlich in Eriador zu sein. Was genau sie dort
machen wollten wussten sie nicht, doch über eines waren sie sich sicher,
alleine waren sie nicht.
Die drei Gefährten waren in wenigen Tagen bis zum Gelion gelangt. Dort, wo
sein Nebenfluss Brilthor entsprang setzten sie auf das andere Ufer über.
Es dauerte nicht lange, da begegneten sie einer Gruppe von rund 40 Elben,
Flüchtlinge aus Ossiriand, Doriath und Gondolin. Sie alle hatten kein
Interesse daran, in ihre alte Heimat oder zu ihren Verwandten und Freunden
zurückzukehren, zumal die meisten von ihnen tot waren.
Sie nahmen die drei Wanderer bei sich auf, und schon bald wurden sie von
Maglor geführt, der sich mit der Umgebung rund um die Ered Luin recht gut
auskannte. Auch Leggalad, ein Nandor, der lange Zeit seines Lebens hier
verbracht hatte, bis seine Familie getötet worden war, half bei der
Führung der Gruppe. So schafften sie es sogar, die Erde Luin zu
überqueren. Mittlerweile war die Gruppe auf rund 80 Mitglieder
angewachsen, denn viele Elben gab es, die ihr früheres Leben einfach
hinter sich lassen wollten, jedoch noch nicht bereit waren, in den Westen
zu gehen.
Lange wanderten sie, bis sie in einem Waldstück südlich des Ausläufers der
Ered Luin niederließen, nicht weit vom Fluss Baranduin entfernt. So
entgingen sie auch dem Untergang Beleriands, auch wenn er von ihnen nicht
unbemerkt blieb. Sie bauten sich ein Heim und rasteten für eine lange
Zeit. Doch blieben sie nicht für immer. Zwerge kamen, um dort ihren
Bergbau zu betreiben. Und trotzdem blieben sie lange, denn sie hatten das
Land lieb gewonnen.
Als der Tag des traurigen Abschieds kam waren sie schon mehr als 150
Elben, die im Jahre 1975 D.Z. aufbrachen, um eine neue Heimat zu finden.
Die wenigen Geschöpfe, mit denen sie Kontakt hatten, rieten ihnen,
entweder weit in den Osten zu gehen, sich erkennen zu geben oder in den
Westen zu segeln. Doch die letzten beiden Möglichkeiten kamen für Maglor,
der mittlerweile zum Hohen Führer ernannt worden war, und seine Leute
nicht in Frage. So starteten sie ihre Reise, zuerst nach Süden, um entlag
der Ered Nimrais nach Osten zu gelangen.
Sie hatten vom Fluss Eilend gehört, der weiter nördlich lag, östlich des
Düsterwaldes. Viele schöne, abgelegene Orte sollte es dort geben. Also
schickte Maglor Boten aus, und sie konnten die Erzählungen bestätigen.
Schon bald war ein geeigneter Ort gefunden, und die Gruppe begann ihre
Reise. Einige von ihnen sahen die Länder, die sie nun durchquerten, nicht
zum ersten mal. Leggalad, einer der Boten, und auch seine Tochter,
Laurecala, deren Mutter Alatalasse, eine Noldo aus Gondolin, ihn in ihrer
Zeit in den Blauen Bergen geheiratet hatte, waren vorher schon in Rohan
gewesen.
Lange dauerte ihre Wanderung, und sie legten einen langen Weg zurück.
Hätten sie keine Kinder bei sich gehabt, wären sie sicher schneller
gewesen, doch so machten sie teils monatelange Pausen. Nur ein paar Wenige
waren schon vorausgegangen, um die neue Unterkunft zu bauen. Ihre Reise
verlief ohne besondere Ereignisse, nur einen Tag würden sie für immer in
Erinnerung behalten.
Es war Sommer, im Jahre 1980, als sie im Gebirge der Ered Nimrais eine
Stimme hörten. Sie war nur noch leise, denn Nimrodel, das Mädchen, das sie
gehört hatten, war geschwächt und kränklich. Auf keinen Fall wollten die
Reisenden ein so hübsches und junges Elbenmädchen in den Bergen
zurücklassen, also nahmen sie sie mit. 5 Jahre dauerte es, bis sie in
ihrer neuen Heimat ankamen. Doch obwohl sie so lange unterwegs waren, und
obwohl sie so lange in den Blauen Bergen gelebt hatte, fühlten sie sich
hier, nahe des Flusses Eilend sofort wohl.
Nicht viele bekamen dieses Volk jemals wieder zu Gesicht. In ihrer neuen
Heimat, in Vanwa Leryamar, das Freie Haus der Verlorengegangenen, blieben
sie bis ans Ende ihrer Tage.
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