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Die Entführung im Auenland
Eine Fortsetzung von Éowyn aus der Zeit nach dem Ringkrieg.

 
Erstes Kapitel - Der Beginn eines neuen Abenteuers

Fast hätte man sagen können, dass es wieder wie früher war. Der Gärtner hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Der Beginn des neuen Zeitalters hatte für die Bewohner des Auenlands doch etwas Gutes, denn sie fühlten sich wieder wohl in ihrer Heimat. Nicht zuletzt war das natürlich auch der Verdienst Samweis Gamdschies und seiner - zugegebenermaßen nicht nur seiner eigenen - Kenntnisse und Fähigkeiten als Gärtner.
Noch immer reiste er durch durch das Auenland, um die Früchte seiner Aussaat, gedüngt mit elbischer Erde der Frau Galadriel, zu betrachten und zu pflegen, was ihn schnell zu einer Bekanntheit werden ließ.
Zusammen mit seinem treuen vierhufigen Freund Lutz machte er sich eines späten Nachmittags auf den Heimweg. Er hatte es nicht mehr weit, nur noch einige wenige Meilen, und er würde wieder zuhause sein bei seiner Frau Rosie und seiner Tochter Elanor, auch genannt die Schöne.
Pfeifend trottete er über die Straße entlang der Wässer und dachte mit Vorfreude an das gute Abendessen, das ihn erwartete. Es war die letzte Sichtung der Pflanzungen in diesem Jahr gewesen, es ging schon stramm auf den Winter zu. Es war der wahrscheinlich letzte sonnige und einigermaßen warme Tag des Jahres, und niemand hätte erwartet, ihn Anfang des Blothmath (November) im Jahre 1421 der Auenland-Zeitrechnung zu erleben. Aber so war das nun mal: Vieles hatte sich geändert, doch die meisten Hobbits nahmen es kaum wahr oder maßen ihm keine Bedeutung bei, geschweige denn, dass sie geahnt hätten, warum alles so war.
Es war ein sehr schönes Jahr gewesen und Sam war glücklich über den schnellen Wuchs der neuen Pflanzen, gesetzt nach der Befreiung des Auenlandes, bevor es völlig zerstört wurde. Es war gerade rechtzeitig geschehen, doch nun hatten die Bewohner ihren Frieden wieder.
Nur drei der Hobbits widmeten sich immer wieder völlig Hobbit-untypischen Gedanken von Elben, Menschen, Königen und Kriegen. Einer von ihnen sang gerade auf seinem Heimweg eines der alten Wanderlieder, das Herr Bilbo Beutlin ihm beigebracht hatte, als er noch ein Hobbitkind war. Sam vermisste Frodo sehr, der nunmehr erst einen Monat zuvor Mittelerde zusammen mit Elben und Gandalf auf einem Schiff an den Grauen Anfurten im Westen verlassen hatte.
Niemals, so dachte Sam, könnte er hoffen, Frodo wiederzusehen, der ihm sein Haus hinterlassen hatte, damit er mit seiner Familie darin leben könne. Seine Familie, ja, das war jetzt sein Ein und Alles. Ein Heim! Wie sehr hatte er sich das gewünscht, als er mit Frodo auf dem Weg ins feindliche, trostlose Mordor gewesen war. Erst recht, als er Frodo verloren glaubte und allein auf der Suche nach ihm durch eine Orkfeste geirrt war. Letztendlich war ja alles gut gegangen, sie hatten ihren Auftrag erfüllt und den Frieden wiederhergestellt. Doch eines wussten sie nicht: Dass immer noch etwas Böses in Mittelerde existiere und keinen Frieden fand. Niemand ahnte das zu dieser Zeit.
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und färbte den wolkenlosen Abendhimmel tiefrot hinter den kahl werdenden Bäumen. Schnell wurde es kühler und Sam eilte sich, schnell nach Hause zu kommen. Schon waren die ersten Häuser von Hobbingen in Sicht und alles schien friedlich. Aus dem Gasthaus drang lautes Gelächter, die letzten spielenden Kinder wurden zu Tisch gerufen und die Lichter angezündet, denn die Dämmerung war nun schon sehr weit fortgeschritten.
Jetzt war es nicht mehr weit und er glaubte schon, der Geruch seines auf ihn wartenden Abendessens steige ihm in die Nase. Mit einem breiten Grinsen sagte er zu Lutz: "So, mein Guter, du freust dich bestimmt auch schon sehr auf ein feines Abendmahl in deinem warmen Stall, was? Ich will gleich mal sehen, was ich für dich tun kann, mein Freund!"
Er bog ab und als er gerade um die letzte Ecke war und in seinen Vorgarten blicke konnte, stockte ihm vor Überraschung der Atem. Da standen ein großes stolzes Pferd, das ihm auf seltsame Art und Weise bekannt vorkam, und ein kleineres Pony vor dem Stall, der für beide zu klein war, da er ausschließlich für den guten Lutz gebaut worden war.
"Sehr interessant", dachte Sam bei sich und kratzte sich nachdenklich am Kopf.
"Wer kann das sein?"
Er beschleunigte seine Schritte und zähmte aber mühsam seine Neugier, denn zuerst wollte er Lutz in seinen Stall bringen und mit Futter versorgen, bevor er im Haus sehen wollte, wer zu Besuch war. Die beiden anderen Tiere waren notdürftig bereits mit Futter versorgt und als Sam den braven Lutz in den Stall brachte, fragte er sich, was eigentlich mit den beiden anderen Tieren in dieser Nacht passieren sollte.
"Ein Grund mehr, hineinzugehen und zu sehen, wer da ist. So habe ich gleich eine Frage, die ich stellen kann. Und woher kenne ich dieses Pferd? Es sieht ganz aus wie Schattenfell, ein klein wenig... jetzt gehe ich aber rein!" sagte Sam zu sich und führte seinen Gedanken sofort aus. Er schritt zur Tür und trat ins Haus.
Es war behaglich warm darin und der Duft eines guten Essens stieg ihm verstärkt in die Nase.
"Ich bin wieder zurück! Meine liebste Rosie, was riecht so gut und wessen Pferde stehen vor unserem... Haus?"
Elanor war um die Ecke gelaufen und unterbrach ihren Vater kurz, indem sie ihm schwungvoll in die Arme fiel.
"Papa! Endlich bist du zurück!" rief sie und lächelte ihn glücklich an.
Bevor Sam irgendetwas erwidern konnte, setzte sein Herzschlag für einen kurzen Moment aus, denn es folgte seiner Tochter jemand, den er nur allzugut kannte.
"Gandalf! Ich traue meinen Augen nicht, bist du es?" stammelte Sam ungläubig.
Gandalf sah ihn gütig an. "Ja, mein lieber Junge, ich bin es tatsächlich. Da staunst du, was? Komm doch erst einmal in die gute Stube, bevor wir weitersprechen! Viel zu froh ist die Stunde, um im Flur verbracht zu werden!"
"Ja, aber, wieso bist du zurück? Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen, als das Schiff in den Grauen Anfurten ablegte! Was für eine Freude!" Sam konnte nicht sagen, ob es tatsächlich Tränen waren, die ihm in die Augen stiegen, so glücklich war er.
Zusammen gingen sie in die Küche. Dort folgte eine zweite Überraschung, die Sam in seiner Verblüffung nicht im Entferntesten für möglich gehalten hätte.
Es war Frodo, der dort neben Rosie am Tisch saß.
Wortlos stand er auf und jetzt weinte Sam tatsächlich, überglücklich, und schloss Frodo in die Arme. Endlich brach Frodo das Schweigen.
"Wir sind wieder zurückgekommen, Gandalf und ich. Ich dachte, ich würde in Mittelerde nirgendwo je wieder Frieden finden, und doch, als das Schiff dann immer weiter aufs Meer hinausfuhr, war es mir, als würde mein Herz vor lauter Schmerz zerreißen. Mir wurde klar, wo ich eigentlich hingehöre. Ich bat und bettelte solange, man möge doch bitte nocheinmal umkehren, bis wir tatsächlich zurückfuhren. Es war die letzte Gelegenheit und es fiel mir zwar auch schwer, mich von Bilbo, Galadriel, Elrond und all den anderen Elben zu trennen, aber ich wusste genau, hier gehöre ich hin und es ist richtig, umzukehren."
Frodo blickte Sam direkt an und Sam erkannte, dass auch er Tränen in den Augen stehen hatte. "Und Gandalf?" fragte Sam.
"Nun", begann dieser, "das kann ich dir selbst so genau nicht erklären. Eigentlich wollte ich tatsächlich zusammen mit den Elben Mittelerde verlassen. Jedoch schoss mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf, dass ich ja auch hier, inmitten all meiner Freunde, ebenso friedlich die Zeitalter verleben könne, und in den Westen fahren, das kann ich immer noch. Also bin ich mit Frodo zusammen umgekehrt. Es war mehr so ein Gefühl und eine schnelle Entscheidung, aber ich bin zufrieden."
Alle setzten sich, nur Rosie kümmerte sich um das Essen. Während sie alle ihren Appetit stillten, erzählten Frodo und Gandalf von ihrer Rückkehr.
Das Schiff war schon recht weit hinausgefahren, als Frodo plötzlich darum bat, zurückkehren zu dürfen, so mussten sie einige Stunden des Weges in Kauf nehmen, um schließlich wieder die Küsten Mittelerdes erblicken zu können. Für alle überraschend, ging Gandalf mit Frodo von Bord und sie winkten den Elben ein letztes Mal, als das Schiff sich dann endgültig auf den Weg in die Ferne machte. Weil die Nacht sich näherte, bereiteten die beiden Reisenden sich ein Lager und verbrachten die Nacht am Meer, was Frodo als unvergesslich beschrieb. Sie machten sich mit den beiden Reittieren langsam am nächsten Morgen auf den Rückweg ins Auenland. Es war jedoch so, dass ihnen zwischendurch bei einem letzten Gewitter die Pferde davongelaufen waren. So waren sie nicht wenige Tage damit beschäftigt, diese wiederzufinden und sie kamen dabei weit vom direkten Weg ab, was tatsächlich dazu führte, dass sie erst wenige Stunden vor Sam bei seinem Zuhause angelangt waren.
Rosie kümmerte sich in der Zwischenzeit um die Unterbringung von Schattenfell und dem Pony bei den Nachbarn und ganz besonders die beiden Hobbits vertieften sich immer mehr ins Gespräch.
"Herr Frodo, ich dachte tatsächlich, dich nie mehr wiederzusehen und es brach mir das Herz. Dennoch konnte ich dich gut verstehen, aber das half mir auch nicht darüber hinweg. Also, willst du jetzt bei uns wohnen und Gandalf auch? Ihr seid bei uns immer willkommen!"
Frodo lächelte ihn an und sagte: "Es wäre mir das reinste Vergnügen und die wahre Freude! Ich bin so glücklich, wieder hier zu sein. Es war richtig, zurückzukommen. Dabei fühlte ich mich so lange unwohl hier! Das scheint mir jetzt völlig unbegreiflich."
Gandalf setze die Pfeife ab und sagte: "Nun, mein guter Samweis, fürs Erste möchte ich auch gerne dein Gast in diesem freundlichen Haus sein, aber auf Dauer ist es mir einfach zu klein, denke ich!" Dabei lachte er.
Es wurde ein sehr vergnüglicher und geselliger Abend. Sam war wirklich überglücklich, dass Frodo zurückgekehrt war, und obwohl sie alle recht müde waren, unterhielten sie sich noch lange. Spät am Abend legten sie sich dann alle schlafen.

Am nächsten Morgen wachten sie alle erfrischt und zufrieden auf und verlebten diesen Tag anfangs ganz unspektakulär. Am Vormittag saßen Frodo und Sam beisammen, während Gandalf in der Gegend unterwegs war, um sich eine für seine Größe angemessene Bleibe zu suchen, wo er wohnen konnte.
"Weißt du, Sam, es fiel mir sehr schwer, mich endgültig von Bilbo zu trennen, denn er bedeutet mir wirklich sehr viel. Ich freue mich so für ihn, dass er ein so glückliches und langes Leben erleben durfte. Wenn mir das doch auch vergönnt wäre!"
Sam erwiderte: "Aber Herr Frodo, warum denn nicht? Du machst einen so lebensfrohen und zufriedenen Eindruck auf mich, dass ich glauben könnte, du könntest ihn auch noch übertreffen!"
"Wieso meinst du das? Ich habe den Ring nicht lange besessen, also müßte es schon mit verrückten Dingen zugehen, wenn ich auch so ein hohes Alter erreichen würde."
Eine beklemmende Stille trat in den Raum. Das hatte Sam verdrängt, doch Frodo konnte die Erinnerung an die Reise einfach nicht beiseite schieben.
"Meinst du, das wird mich immer verfolgen?" brach Frodo schließlich die Stille und brachte etwas zur Sprache, das beide schon lange beschäftigte.
"Ich habe Bilbo immer so geliebt, doch warum musste er diesen Ring finden und warum war ich dazu verdammt, ihn bis zum bitteren Ende tragen zu müssen?" rief Frodo wütend.
"Aber das ist doch nicht Bilbos Schuld! Niemand kann etwas dafür!" entgegnete Sam.
"Hätte ich ihn doch nur nie bekommen. Oder hätte ich ihn doch auf Elronds Rat einem anderen Träger übergeben! Es wäre doch bestimmt jemand dagewesen, der das getan hätte, jemand mit größerem Mut als ich, der darunter nie so leiden würde. Ich als kleiner Hobbit musste so schlimme Verletzungen überstehen, die mich fast umgebracht hätten und mir immer noch heimlich zu schaffen machen."
Frodo sagte nichts mehr. Sein Gesicht nahm einen sehr bekümmerten und traurigen Ausdruck an und Sam war bestürzt.
"Gandalf hat immer gesagt, du hast Kräfte in dir, die der stärkste Mann nicht aufbringen könnte. Du hast die Verletzung des Nazgûl überlebt und dich gegen Kankras Gift gewehrt. Das sind außergewöhnliche Fähigkeiten!"
Nach einer Pause sagte Frodo: "Ja, sicher. Ich denke, du warst nicht der einzige, der mich beschützt hat, und das hat du wirklich. Ohne dich wäre ich in Mordor verloren gewesen und wäre nie von dort entkommen. Irgendwann hätten sie mich sicher umgebracht. Du ahnst nicht, was ich dort ausgestanden habe. Und das schlimmste ist, was mich auch immer noch verfolgt..."
Er konnte nicht weitersprechen, denn es war wie ein Kloß im Hals, der ihm die Luft abschnürte. All die schrecklichen Gedanken ließen wieder Angst aufkommen, vor denen er in den Westen fliehen wollte, und er hatte es nicht getan, weil er ahnte, dass sie ihn auch dort nicht loslassen würden.
"Herr Frodo, was denn? Sag es mir doch, vielleicht kann ich dir irgendwie helfen!"
"Das wäre sehr schön, Sam. Ich denke, es war völlig nutzlos, dass wir uns so gequält haben, um den Ring zu zerstören. Wer oder was ist Sauron überhaupt gewesen? Ich habe so ein Gefühl, dass er nicht das letzte Böse ist. Ich kann das nicht erklären, aber ich denke immer, dass da noch etwas anderes, böses irgendwo ist, das auf uns herabschaut. Ich habe auch letzte Nacht schon wieder so etwas geträumt..."
Jetzt wandte er sich ab und starrte reglos aus dem Fenster. Erst rührte Sam sich vor lauter Ratlosigkeit nicht, er fühlte sich völlig hilflos, aber dann trat er neben Frodo und versuchte, ihm in die Augen zu sehen, seinen Blick einzufangen. Es wollte ihm nicht gelingen, denn Frodo schien ihn nicht einmal zu bemerken.
Tränen standen ihm in den Augen und liefen ihm über die Wangen herab. Sam spürte förmlich die seelischen Qualen, die Frodo aushalten musste. Wortlos nahm er ihn einfach in die Arme und so standen sie ganz lange da. Frodo krallte sich an Sams Hemd fest und wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Als Rosie kurz nach den beiden sah und einen Blick in das Zimmer warf, schaute sie zuerst sehr ratlos, aber Sam gab ihr zu verstehen, dass sie sich keine Gedanken um die beiden machen musste.
Irgendwann kehrte Gandalf zurück und kam ins Zimmer. Er sah sehr geschäftig und zufrieden aus, aber als er die beiden Hobbits dort stehen sah, nahm seine Miene sofort einen sorgenvollen Ausdruck an.
"Was ist denn bei euch passiert?" fragte er.
Erst reagierte Frodo nicht, dann schrak er auf und blickte Gandalf direkt an.
"Ich habe es noch niemandem erzählt, aber ich finde nicht einmal im Schlaf Frieden. Immer erscheint mir etwas Böses im Traum."
Schweigend setzen sich die drei um den Tisch und erwartungsvoll schauten Gandalf und Sam Frodo an. Nach einem sichtlich nervenzehrenden Anlauf begann Frodo schließlich.
"So lange schon suchen diese Alpträume mich mittlerweile heim. Immer und immer kehren sie wieder. Es beginnt immer damit, dass... dass ich mich an die Nazgûl erinnere und oft werde ich dann vor lauter Schmerz in der Schulter wach. Dann glüht diese Narbe und ich schlafe dann zwar bald wieder ein, aber dann geht es jedesmal schlimmer weiter. Ich sehe wieder diese riesenhafte Spinne vor mir und renne weg. Doch sie holt mich ein, ich spüre einen Stich und dann nichts mehr. Dann sehe ich wieder etwas. Ich kann mich nicht bewegen. Um mich herum ist Finsternis. Ich sehe nichts, ich höre nur unheimliche Geräusche und rieche den Gestank, der immer stärker wird. Ich kann nichts tun. Dann sehe ich dich, Sam, geschäftig irgendwo in der Dunkelheit herumirren und dann, viel schlimmer noch, kann ich dich irgendwo gefangen sehen, gefesselt und allein. Überall sind... überall sind Spinnweben."
Mit geschlossenen Augen saß Frodo da, zitternd und zeigte immer wieder mit den Händen in eine Richtung. Es kostete ihn viel Mühe, das konnten Sam und Gandalf sehen, aber dann schilderte er ihnen weiter, an was er sich erinnerte.
"Orks sind da, überall. Sie sprechen über etwas und ich höre immer ein Wort, das mein Herz ins elbische ungol übersetzt. Sie scheinen keine Angst zu haben. Um sie herum sind überall Spinnweben, und wo sie sind, ist Dunkelheit und Furcht. Ich suche Sam, ich will ihn finden, doch es scheint vergeblich. Plötzlich liegt er dann da und scheint tot. Dann weiß ich nichts mehr."
Langsam schlug er die Augen wieder auf und Sam nahm seine Hände in seine eigenen. Er spürte, wie sehr Frodo zitterte und seine Hände waren ganz kalt.
Dann erst sah Sam Gandalf an, der sie beide mit wirklich großem Entsetzen anstarrte.
Er schüttelte immer wieder den Kopf und schien viel Schrecken zu empfinden.
"Du ahnst nicht im Entferntesten, Frodo, wovon du gesprochen hast. Aber ich gebe zu, ich kann mir darauf ebenfalls keinen Reim machen. Orks in Verbindung mit einer Spinne... das ist verrückt. Doch hast du dich jemals mit der Geschichtsschreibung Mittelerdes beschäftigt?"
"Nein, Gandalf, darüber weiß ich nichts. Wieso fragst du?"
"Einige Elemente deines Traums kommen mir bekannt vor, aber vielleicht hat das gar keine Bedeutung."
"Was denn, Gandalf, was meinst du?" rief Sam aufgeregt und Frodo sah Gandalf angstvoll an.
"Nun, ihr beiden, das ist eine sehr lange Geschichte. Ich will sie für euch kurz fassen. Damals, vor vielen Jahren, im Ersten Zeitalter war es. Es gab auch damals schon schreckliche Monster und ich meine eine Riesenspinne namens Ungolianth."
Aufgeschreckt schauten die beiden Hobbits Gandalf an, welcher fortfuhr: "Sie ist so bösartig gewesen, dass sie alles mit Spinnweben verwob, und wo sie das tat, sank tiefe, furchterregende Finsternis herab. Und ich denke, ihr habt die Erfahrung gemacht, dass auch Ungolianths Nachkommen solch schreckliche Dunkelheit verbreiten können."
Frodo dachte nach, dann sagte er: "Du meinst, Kankra stammt von ihr ab und... was hat das denn mit uns zu tun?"
"Ich kann es dir nicht genau sagen. Du hast Dinge geträumt, die geschehen sind, aber ob du auch Dinge geträumt hast, die noch geschehen können, weiß ich nicht. Ich verstehe nur nicht, dass du sowohl von einer Spinne, als auch von Orks geträumt hast. Es scheint fast so zu sein, dass die Orks, entgegen ihrer Natur, vor der Spinne keine Angst hatten. Auch Sam paßt da nicht ins Bild. War es wirklich so?"
"Ja, es war immer so, wie ich es euch jetzt erzählt habe. Was hat das zu bedeuten, Gandalf?"
Nach langem Zögern antwortete Gandalf: "Das kann ich dir nicht sagen. Ich weiß auch niemanden, den ich danach fragen kann. Ich weiß keinen Rat. Wahrscheinlich hat es gar nichts zu bedeuten. Beunruhigt euch nicht, ich bin sicher, das ist nur ein Spuk, der wieder vorbeigeht. Und denke daran, Frodo, du hast einen elbischen Edelstein an einer Kette. Man weiß nie, wozu das gut ist. Er kann dir Heilung bringen."
Frodo griff nach der Kette und zog sie unter seinem Hemd hervor. Der Stein schein ein klein wenig zu leuchten, aber er konnte nicht sagen, ob er sich das einbildete. Er fragte die anderen nicht.
Für den Rest des Tages ließen die Gedanken an Frodos Traum Gandalf nicht mehr los. Er überlegte, wen er hätte fragen sollen, doch die meisten der weisesten Elben war doch gerade aus Mittelerde fortgegangen. Und ob die anderen Istari etwas wissen konnten? Er bezweifelte es, aber er wollte losziehen, um sich zu erkundigen.
Am Abend gab er seine Entscheidung bekannt.
"Also, ihr zwei, folgendes: Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber die anderen Mitglieder meines Ordens haben vielleicht doch einige kleine Ratschläge. Ich werde mich noch heute auf den Weg machen, sie zu suchen, denn sonst finde ich hier keinen Frieden."
"Aber du sagtest doch, es wäre nichts schlimmes!" warf Sam ein.
"Ich möchte mich nur davon überzeugen. Es wird nicht lange dauern, Schattenfell ist ein schnelles Pferd und es ist nicht sehr weit. Macht euch keine Sorgen."
Es erinnerte Frodo stark an einen Tag vor Jahren, als Gandalf sich auch zu Erkundigungen auf den Weg machte und lange nicht zurückkehrte. Er sagte jedoch nichts.
Schattenfell war nach kurzer Zeit bereit und nachdem Gandalf sich Proviant eingepackt hatte, machte er sich auch schon auf den Weg und verschwand in der Dunkelheit des späten Herbstes.
Frodo, Sam und seine Familie blieben noch in der Tür stehen und sie sahen ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Auf eine merkwürdige Art und Weise war Frodo beruhigt. Die Nacht war für ihn voller ruhigem Schlaf und auch Sam schüttelte sämtliche Sorgen ab.

Am nächsten Morgen wachte Sam von Gelächter vor der Haustür auf. Er blickte aus dem Fenster und sah Frodo mit der kleinen Elanor durch den Garten tollen. Unwillkürlich musste er erleichtert lächeln bei diesem Anblick, der ihn sehr erfreute. Draußen quietschte seine kleine Tochter vor Vergnügen, als Frodo sie durch die Luft wirbelte und plötzlich stand Rosie hinter Sam.
"Sei ehrlich, du hast Hunger. Ich habe ein gutes Frühstück bereitet! Beeil dich, dann sage ich den beiden draußen Bescheid und es gibt Essen."
Nach dem Frühstück verschwanden Elanor und Frodo verschwörerisch wieder draußen und Sam setzte sich mit einem verschmitzten Grinsen vor den Kamin und steckte sich eine Pfeife an.
"Was für ein hervorragendes Kraut!" dachte er und schaute ab und an aus dem Fenster, um den beiden im Vorgarten beim Versteckspiel zuzusehen. Nur das Mittagessen unterbrach Frodo und Elanor beim Kastaniensammeln, und am Nachmittag bastelten alle zusammen kleine Figuren aus den Früchten und kleinen Ästchen. Sam und Frodo erzählten dazu einige Abenteuer, halb zusammengesetzt aus ihren Erlebnissen im Ringkrieg und halb ausgedacht. Bis zum Abendessen waren sie damit beschäftigt und jeder, der draußen vorbeiging, hörte das kleine Hobbitmädchen laut lachen und wurde dadurch selbst erheitert.
So gingen zwei Tage durchs Land, in denen Merry zu Besuch vorbeikam und die Einladung, doch etwas länger zu bleiben, dankend annahm. Es wurde sehr vergnüglich in Beutelsend und die Tage wurden ihnen nicht lang, so dass sie nachts erschöpft ins Bett fielen und schliefen wie tot.
"Ich geh dann schonmal schlafen, Frodo, also sei bitte gleich nicht so laut, wenn du kommst", sagte Merry und gähnte. In Frodos Zimmer hatten sie für Merry ein zweites Bett aufgestellt und Frodo saß an Elanors Bett und wollte ihr noch eine Geschichte zum Einschlafen erzählen, eine, die er auch von Bilbo immer gern gehört hatte.
"Und weißt du, da lag auf diesem prächtigen, riesengroßen Schatz dieser Drache und schlief. Wie der schnarchte! Du kannst es dir kaum vorstellen. Da saßen die Räuber dann, Zwerge und Hobbit, und bespitzelten das Monster. So gern wollten sie an den Schatz! ..."
Sam wandelte schlaftrunken durch den Flur und warf noch einen kurzen Blick in Elanors Zimmer, bevor er in sein Schlafzimmer trat. Dort fand er Frodo schlafend auf dem Schaukelstuhl und Elanor friedlich schlummernd in ihrem Bettchen. Er ging noch kurz hinein und löschte das Licht, dann ging auch er zu Bett.

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